Aktualisiert 10.02.2019

Rekonstruktion des Schiffsmodells des Fracht-/Passagierdampfers GOTHA

Wolfgang Bohlayer

Im Jahre 2015 erhielt das Hafenmuseum Hamburg Reste eines Schiffsmodells des Fracht- und Passagierdampfers GOTHA. Da dieses Schiff ein exemplarisches Beispiel eines solchen Schiffstyps aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts ist, der oft den Hafen von Hamburg angelaufen ist und deshalb in der Sammlung des Museums gezeigt werden sollte, entschied sich die Museumsleitung, das Modell rekonstruieren zu lassen. Die Arbeit wurde von mir (einem ehrenamtlichen Mitarbeiter des Museums) ausgeführt.

Objektbeschreibung
Es handelt sich hier um ein zeitgenössisches Werftmodell.
Modellmaßstab = 1:50
Modelllänge = 2,72 m
Modellbreite = 0,33 m
Material = Holz, Messing (für Beschlagteile)

Kurzer Lebenslauf

Originalschiff

Ab 1907 beschaffte der Norddeutsche Lloyd bei der Werft Bremer Vulkan für seinen Südamerika-Dienst vier neue Passagier- und Frachtdampfer mit wenigen Kabinenplätzen der II. Klasse und einer großen Zwischendeckskapazität für Auswanderer. Das Typschiff GOTHA lief am 21. Oktober 1907 von Stapel, wurde am 27. November 1907 an den NDL ausgeliefert. Die GOTHA hatte eine Tragfähigkeit von 8200 tdw, war 135,94 m lang und 16,62 m breit. Angetrieben von einer Vierfach-Expansions-Dampfmaschine lief das Schiff 12 kn.

Die bei Kriegsausbruch 1914 in Buenos Aires befindliche GOTHA wurde als Versorger des Ostasien -Kreuzergeschwaders der Kaiserlichen Marine ausgerüstet. Die GOTHA wurde am 20. März 1915 bis zum Ende des Krieges in Valparaíso interniert. Nach dem Ende des Kriegs trat die GOTHA am 13. Juli 1920 die Rückfahrt nach Deutschland an. Formell vom Reich enteignet, erfolgte keine Auslieferung, da das Schiff in das Columbus-Abkommen einbezogen wurde und beim NDL verblieb. Die GOTHA wurde ab 1921 überholt und wieder im Südamerikadienst mit 60 Plätzen II. Klasse eingesetzt. Ende Mai 1925 traf die GOTHA als erstes deutsches Passagierschiff nach dem Weltkrieg in Australien ein. Im Mai 1927 kehrte die GOTHA von ihrer letzten Australienfahrt zurück und wurde dann wieder nach Südamerika eingesetzt.

Im April 1932 wurde das Schiff aufgelegt und 1933 dann als erstes Schiff der Klasse abgebrochen.

GOTHA nach 1912

Hauptdaten der GOTHA
Länge über alles = 135,94 m
Länge zw. den Loten = 130,16 m
Breite auf Spant = 16,54 m
Seitenhöhe bis Hauptdeck = 9,35 m
Vermessung (Brutto) = 6.653 BRT
Besatzung = 102 Personen
Antriebsmaschine = Vierfach-Expansion Dampfmaschine
Antriebsleistung = 3.300 PS
Geschwindigkeit = 12 kn
Ladefähigkeit = 8.200 tdw
Passagiere = 50 II. Klasse (ab 1912)
                               1.792 Zwischendeck

Quellenlage
Eine Internet-Recherche förderte einige nicht sehr gute Bilder der GOTHA, sowie technische Daten und den Lebenslauf des Schiffes zu Tage.

EISENACH Seitenriss (Deutsches Schifffahrtsmuseum)
 

Weitere Recherchen ergaben, dass Unterlagen der Bauwerft im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven gelagert sind. Es war möglich, aus diesem Archiv Werftzeichnungen eines der Schwesterschiffe (DS EISENACH) zu bekommen und zwar den Generalplan und diverse Einzelpläne. Werftzeichnungen der GOTHA im Zustand nach Umbau 1912 waren nicht mehr vorhanden. Obwohl gewisse Unterschiede der GOTHA zur EISENACH bestehen (hauptsächlich in der Anordnung der Ladepfosten), können diese Unterlagen sehr gut für die anstehenden Restaurierungsarbeiten verwendet werden.

Zustandsbeschreibung des Modells wie vom Museum erhalten

Gesamtmodell
  Der Zustand des Modells war bedauernswert; sehr große Beschädigungen und viele Bauteile fehlten (besonders die Oberdecksausrüstung) Gemäß dem oft üblichen Standard der damaligen Werftmodellbauer sind gewisse Bauteile des Modells, wie z.B. die Lukensülle und -Deckel in sichtbarem Holz erstellt, obwohl diese Teile im Original in Stahl gebaut und gestrichen waren. Dies trifft auch auf einige andere Ausrüstungsgegenstände wie Niedergangstreppen zu.

Im Rahmen der anstehenden Restaurierung werden diese Teile so belassen oder in der gleichen Art und Weise neu erstellt.

Mittelteil des Rumpfs des Modells GOTHA (vorgefundener Zustand vor Beginn der Restaurierung)

Schiffsrumpf:

Der Rumpf des Modells ist an mehreren Stellen beschädigt (Druck- und Schlagspuren). Der Rudersteven ist abgebrochen und nicht mehr vorhanden; das Ruderblatt und der Propeller fehlen.
Das Innere des (aus Holzschichten erstellten und ausgehöhlten) Rumpfes ist durch Mäusedreck stark verschmutzt und auch angeknabbert.

Verschmutzung
Die Modellteile weisen mittelstarke bis starke Verschmutzungen auf.

Genereller Eindruck des Modells
Man gewinnt den Eindruck, dass dieses Modell im Verlaufe seiner 110 jährigen Geschichte seiner schönsten Teile verlustig gegangen ist (Plünderung).
Die Signifikant des Modells (Werftmodell!) sowie sein Alter rechtfertigt m. E. eine grundlegende Restaurierung, zumal dieser Schiffstyp (kombinierter Fracht- und Passagierdampfer) typisch für die Schiffe mittlerer Größe mit großer Reichweite ist und im Hafenmuseum noch nicht vorhanden ist.

Restaurierungskonzept und Vorgehensweise

Reinigung aller vorhandenen Bauteile.
Beseitigung der Verschmutzung aller Teile mit Feuchtschwamm, Wattestäbchen, Isopropanol, Waschbenzin, Seife und Wasser.

Bei vorhandenen Bauteilen, die infolge schlechter Farbsubstanz einen neuen Farbauftrag benötigen, Reinigung und Beseitigung der vorhanden beschädigten Farbschicht(en) mittels feiner Stahlwolle. Neuer Farbauftrag mittels Spritzpistole oder Farbspritzdose im Original-Farbton (Nitro- oder Acrylfarben in seidenmatt).

Abschließende Versiegelung mit farblosen Seidenmattlack (auch für die gereinigten Originalteile).
Nachbau der fehlenden Ausrüstungsteile und anderer Bauteile gemäß vorgefundener Originalteile oder entsprechend dem Generalplan oder nach damals üblicherweise verwendeten Standards.

Die Restaurierungsarbeiten beginnen auf dem Vorschiff (Back) und werden dann schrittweise nach achtern fortgesetzt, sodass die Museumsbesucher den Fortschritt der Arbeiten erkennen und die bereits fertiggestellten Bereiche betrachten und bewerten können. Detailarbeiten an Ausrüstungsteilen oder die Erstellung neuer Teile werden in der heimischen Werkstatt des Restaurators durchgeführt, wohingegen größere Arbeiten (speziell die am oder auf dem Rumpf) direkt im Museum am Modell durchgeführt werden.

Rumpf
Im Rahmen der Überarbeitung des Rumpfes wird auch der fehlender Rudersteven und das Ruderblatt nach Vorgabe des Generalplanes ersetzt.

Rumpf nach vorne gesehen

Die Schadstellen werden von Farbschichten befreit und mit Holzspachtel aufgefüllt. Die gesamte Rumpf-Außenfläche wird abgeschliffen um die Oberfläche zu glätten und für den neuen Anstrich vorzubereiten. Infolge der Größe des Modells (Länge ca. 2,7 m) kommt anstelle einer Spritzlackierung ein Farbauftrag mittels feinporiger Lackierrolle in Anwendung. Nach einer Vorstrich-Lackierschicht werden mehrere Endschichten in seidenmatt aufgetragen und zwar schwarz für das Überwasserschiff und rot für das Unterwasserschiff.

Das neue Backdeck angepasst und auf den Rumpf geleimt

Back

Das Holzdeck wird in gleicher Art wie die noch vorhandenen Decks neu erstellt. Dazu werden Birnbaumstäbe in der erforderlichen Breiteaneinander geleimt und die Oberfläche verschliffen und mit farblosen Mattlack versiegelt. Da die noch vorhandenen Decksteile keine Nachbildung der dunklen kalfaterten Decksnähte aufweist, ist bei den neue erstellten Decks auch darauf verzichtet worden.

Backdeck mit teilweise montierten Ausrüstungsteilen und dem vorderen Schanzkleid

Back fertig ausgerüstet
 

Neu angefertigte Ankerwinde und Kettenbremsen

Die neu zu bauenden Decksmaschinen werden nach zeitgenössischen Standardzeichnungen erstellt, wobei als Material Messing, Aluminium und Kunststoff (Polystyrol) verwendet werden. Bei Metallverbindungen wird das Lötverfahren angewendet, bei Kunststoffverbindungen wird entweder Cyanacrylat oder Dichlormethan verwendet.

Fertig montierte Ladewinschen

Für das Modell müssen insgesamt 14 Ladewinschen neu gebaut werden. Auf der Basis von Bauteilen einer beim Restaurator vorhandenen Winsch (nicht von diesem Modell), die größenmäßig und altersmäßig passt, werden Resinabgüsse erstellt und zusammengebaut.

Ladewinsch

Schiffsrumpf vor dem Aufsetzen des vorderen Hauptdecks

Das vordere Hauptdeck ist nicht mehr vorhanden. Es muss als Stahldeck neu erstellt werden, wobei die Decksbucht nicht vergessen werden darf. Diese Decksbucht in einer max. Höhe von B/50 (in der Großausführung 16,54m/50 = 0,33m) wird vorgegeben durch ein „falsches“ Deck, das diese Rundung aufweist und somit als Vorgabe für das darauf aufgeleimte eigentliche Deck dient.

Einleimen des vorderen Hauptdecks

Luken vor der Restaurierung

Nach Säuberung/Restaurierung der Luken 2 und 3 werden dieselben gemäß den Angaben des Generalplanes auf diesem Deck platziert. Die fehlenden Lukendeckel für die Niedergänge sowie die dazugehörigen Treppen werden neuerstellt und angebracht.

Luke 3 nach Einbau

Promenadendeck vor der Restaurierung

Mittlerer Aufbau

Vom mittleren Aufbau sind nur noch einige Deckshäuser – u.a. das Brückenhaus sowie der Kesse- und Maschinenraum-Aufbau vorhanden.
Die Glasscheiben in den Bullaugen und in den Fenstern werden durch glänzende, grüne Plastikfolie dargestellt.

Neue Deckshäuser auf dem Promenadendeck

Nach Einbau des Decks werden die darauf stehenden Deckshäuser nach Maßgabe des Generalplanes erstellt und aufgebaut.

Brücken- und Peildecks vor Restaurierung

Vor Einbau des Brückendecks muss dieses Deck umfangreich repariert werden, da die Mäuse erhebliche Teile davon verspeist hatten. Dazu musste auf der Bb-Seite die Decksbeplankung ergänzt werden, wobei die Färbung der Oberfläche möglichst übernommen werden soll.

Brückendeck nach erfolgter Restaurierung

Brückenfront

Nach Aufbau des restaurierten Brückenhauses wird das ebenfalls restaurierte Peildeck aufgesetzt.

Hüttendeck teilweise gesäubert

Anschließend wird das achtern liegende Hüttendeck gesäubert, ergänzt, abgeschliffen und neu versiegelt.

Hüttendeck fertig restauriert

Rettungsboote und ihr Geschirr aufgebaut.

Propeller beim Zusammenbauen

Propeller

Ein Propeller ist an dem Modell nicht mehr vorhanden. Der Generalplan gibt Aufschluss über den Durchmesser, die Flügelanzahl und das generelle Aussehen des Propellers.
Die Propellerflügel werden aus Aluminiumblech erstellt und die Nuß wird aus Hols gedrechselt und end-bearbeitet.

Bauschild

Bauschild

Das Bauschild wird gesäubert und zum Anbau in der Glasvitrine des Modells vorbereitet.

Das fertig restaurierte Modell der GOTHA

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