Arbeitskreis historischer Schiffbau e.V.

Kogge von 1350

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Rekonstruktionsversuch der Kogge nach dem Siegel der Stadt Elbing von 1350

( Horst Menzel )

Der "Kiel" besteht aus einer breiten Bohle, die dicker als die anschließenden Bordplanken ist und sie ist gerade. Die Beplankung besteht aus relativ breiten Plankengängen, die im Boden kraweel und von der Kimm aufwärts in Klinkerbauweise liegen.
Mit den Abmessungen der BREMER KOGGE wurden die Proportionen des Modells im wesentlichen festgelegt. Auch für das Achterkastell wurde das Konstruktionsprinzip des Bremer Fundes zugrunde gelegt und entsprechend dem Siegelbild von ELBING modifiziert. 
Es wurde nicht, wie bei den älteren Rekonstruktionen, ein festes Deck modernerer Bauart gewählt, sondern das quergedielte vierbahnige Deck nach Bremer Vorbild. 
Da sich im Original die Dielen an jeder beliebigen Stelle aufnehmen ließen, konnten feste Luken entfallen. 
Vier Querbalken durchstoßen beiderseits die Bordwände. Die Außenhaut ist dem Vorbild ent- sprechend im Boden kraweel und seitlich klinker beplankt. 
 Das Siegelbild lässt zwar keine Spille erkennen, aber ein Frachtfahrzeug dieser Größenordnung konnte ohne diese Einrichtungen unmöglich gehandhabt und gefahren werden, wie es auch durch den Bremer Fund belegt wurde. Ein Bratspill steht hinter dem Mast und auf dem geräumigen Achterkastell das Gangspill. 
Die Kastelle und ihre Brustwehren. wurden nach dem Siegelbild, unter Berücksichtigung der maßstabsgerechten Stehhöhe rekonstruiert.
Unter dem Achterkastell sind beiderseits geschlossene Unterkünfte, die durch Türen zugänglich sind. An ihrer Vorderseite befinden sich Schiebeluken. Zwischen den beiden Räumen ist offener Raum, der dem Rudergänger freie Sicht nach vorn gestattet, soweit dies möglich ist. Das Kastelldeck ist über zwei Leitern erreichbar. Seitlich und achtern ist das Kastell mit einer Zinnenartigen Brustwehr bekleidet, nach vorn jedoch offen, nur durch ein Geländer gesichert. Dies erscheint sinnvoll im Hinblick auf die Verwendung des Fahrzeuges als Frachtschiff und die Bedienung des Rahsegels. An der Steuerbordseite des Kastells ist eine kleine Partie des Decks offen und gibt den Blick auf das darunter liegende Klosett frei, wie beim Bremer Original. 
Oberhalb des Decks befindet sich im Vorschiff der Betingsbalken, zum Belegen der Ankerkabel. Die Bulinen und die Halstaue werden an einer Klampe belegt. Das Vorkastell wurde aufgrund neuer Erkenntnisse am Steven niedriger angesetzt, als es das Siegelbild erscheinen lässt und kommt damit der Wahrscheinlichkeit näher . 
Die Wanten sind mit ihren Schlaufen oben über die Wantauflage des Mastes gelegt; unten sind die Wanten in Juffern eingebunden und mit Taljereeps an den 3 Wantklampen festgezurrt, die außen auf der Bordwand sitzen. 
Wantklampen dieses Typs sind im Kalmarfund nachgewiesen und waren so angeordnet, wie die 3 Konstruktionselemente im Elbinger Siegelbild mittschiffs. Dass die Wanten des Siegelbildes nicht an diesen Punkten angreifen, ist ohne Bedeutung. Hier sind sie unsinniger Weise symmetrisch vor und hinter dem Mast angeordnet. 
Die Wantklampen haben, wie die Juffern, ebenfalls je 3 Gatts. 
Es gibt zwar ikonografische Belege dafür, dass im 14. Jahrhundert z.T. Wanten mit Webeleinen "ausgewebt" waren, da aber kein Koggensiegel dieses Merkmal aufweist, wurde auch bei diesem Modell darauf verzichtet. 
Im Gegensatz zum Siegelbild wurde nur ein Vorstag angebracht, für ein zweites ist keine Funktion erkennbar. Möglicher Weise liegt hier eine Fehldeutung des Siegelstechers vor, Wäre die Kogge mit einem Segel dargestellt worden, dann könnte das zweite Tau eine Bulin sein. Man vergleiche auch die älteren Siegel von Wismar und Stralsund, bei denen die Wanten z. T. bis an die Vorsteven reichen. 
Die Rah wird durch das Fall und ein Perlenrack (sog. Klotjes) am Mast gehalten. Ein hölzernes Bügelrack wäre ebenfalls authentisch. 
Für Topnanten fehlen sichere Belege für diesen Zeitabschnitt, da jedoch auf verschiedenen zeitgenössischen Abbildungen Seeleute gezeigt werden, die beim Segelbergen rittlings auf der Rah sitzen, sind Topnanten in einfacher Ausführung wahrscheinlich, um damit die Rah im Gleichgewicht zu halten. 
An die Rahnocken sind Blöcke gestroppt, durch die die Brassen zum Achterkastell laufen, wo sie belegt werden. 
Das Segel ist mit Bändseln an der Rah angeschlagen. Die Webbreite der Segelbahnen wurde mit ca. 60 bis 68 cm angenommen. Das Segel ist mit einem Liektau eingeliekt, von der Mitte nach unten hat es zwei Bonnets und eine Reihe Reffbändsel. An den Schothörnern sind Blöcke gestroppt, durch die die Schot doppelt geführt und achtern auf dem Kastell belegt wird. Das Elbinger Siegel zeigt jeweils auf der vorderen und hinteren Hälfte der Bordwand klampenartige Konstruktionsdetails, die vermuten lassen, dass es sich hierbei um Leitklampen für die Hals- und Schottaue handelt. Archäologisch ist solche Leitklampe im Kalmarfund belegt. 
Halsen sind im ikonografischen Material des 14. Jh. zwar nicht nachweisbar; sie waren aber bereits in der Wikingerzeit bekannt und sind für die optimale Führung und Ausnutzung des großen Rahsegels unabdingbar. Deshalb wurde diese Takelungsart gewählt und die o.g. Klampen des Siegelbildes erhalten damit praktische Bedeutung. 
Das Unterliek des Rahsegels wird durch eine Mittelschot am Mast gehalten und das Vorliek des Segels wird mit einer Bulin nach vorn geführt, wo diese durch ein Gat des Sprietbaums läuft und dann an einer Klampe belegt wird. 
Literarische Quellen bestätigen, dass man mit Koggen kreuzen konnte und in den letzten Jahren wurde mit originalgetreuen Nachbauten von Wikingerfahrzeugen durch systematische Versuche festgestellt, dass entgegen der bisherigen Lehrmeinungen diese Rahsegler sehr wohl ausgezeichnet kreuzen und hoch an den Wind gehen konnten. Auch Versuche mit dem Nachbau der Bremer Kogge, der sog. KIELER KOGGE bestätigen, dass bis zu einem gewissen Grad am Wind gesegelt werden konnte. 
Wir dürfen deshalb unterstellen, dass die Koggen mit ihrem scharf gebauten Vor- und Achterschiff keineswegs schlechtere Segeleigenschaften gehabt haben dürften und deshalb sicher ein gut entwickeltes Rigg hatten. 
Die beiden Anker wurden in Form und Größe bekannten Funden nachgestaltet. Die Farbgebung wurde weitgehend neutral gehalten, vorwiegend holzteerfarbig, lediglich im Unterwasserschiff dunkler. 
Das Mauerdekor an den Kastellwänden, wie es auf dem Siegelbild dargestellt ist, wurde an dem Modell nicht übernommen, da es für eine derart dekorative Bemalung keine Beweise gibt. Wahrscheinlich war dies eine Vorstellung des Siegelstechers, in dem er die zinnenartigen Auf bauten mit einer Burg verglich. 
Das Kreuz auf dem Masttop, das den friedlichen Kauffahrer signalisiert, wurde vergoldet, was historisch allerdings nicht nachweisbar ist. Es entspricht als christliches Symbol dem Zeitgeschmack. Da das Modell einen typischen Kauffahrer der Hansezeit darstellen soll, wurde bewusst auf grelle Farbgebung verzichtet.
 

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Stand Dienstag, 16. September 2003